Essgewohnheiten in Spanien: Warum so spät gegessen wird

Essgewohnheiten in Spanien: Familientisch mit Paella, typische Essgewohnheiten in Spanien

Spanier essen nicht spät, weil sie entspannt sind. Sie essen spät, weil 1940 jemand die Uhr um eine Stunde vorgestellt hat – und seitdem hat sich der Rhythmus nie wieder erholt.

Ich bin in Barcelona aufgewachsen und esse seit meiner Kindheit um 14:30 Uhr zu Mittag und um 21:30 Uhr zu Abend. Für mich war das immer normal. Erst als ich nach Deutschland gezogen bin, wurde mir klar, wie seltsam das von außen wirkt – und wie viel Geschichte dahintersteckt.

In diesem Artikel erkläre ich dir, wie die Essgewohnheiten in Spanien wirklich funktionieren. Nicht aus dem Reiseführer, sondern von jemandem, der damit aufgewachsen ist.


Die Essenszeiten in Spanien: Ein Überblick

MahlzeitUhrzeitWas es ist
Desayuno7:00 – 9:00Leichtes Frühstück: café con leche, tostada
Almuerzo10:30 – 11:30Kleiner Snack: Bocadillo, Stück Tortilla
Comida14:00 – 15:30Hauptmahlzeit: 3 Gänge, oft mit Familie
Merienda17:00 – 19:00Nachmittagssnack: Obst, kleines Sandwich
Cena21:00 – 23:00Leichteres Abendessen: Tapas, einfache Gerichte

Laut der Encuesta de empleo del tiempo des Institut d’Estadística de Catalunya (2024) sitzen die meisten Spanier zwischen 14:30 und 15:30 Uhr beim Mittagessen – und zwischen 21:30 und 22:30 Uhr beim Abendessen. Das sind keine Ausreißer. Das ist der Alltag.

🎁 Gratis für dich

Bevor du loslegst: Hol dir unsere 5 Lieblingsrezepte als Gratis-PDF — schnell heruntergeladen, immer zur Hand.

Jetzt gratis sichern →

Warum essen Spanier so spät? Die Geschichte dahinter

Franco und die Zeitzone

Francisco Franco mit Führern der Falange 1937 – historische Hintergründe der spanischen Essgewohnheiten

Spanien liegt geografisch auf dem gleichen Längengrad wie Großbritannien, Portugal und Marokko – eigentlich GMT-Zone. 1940 stellte Franco das Land auf die Mitteleuropäische Zeit (CET) um, um sich Mitteleuropa anzupassen. Madrid tickt seither im gleichen Takt wie Belgrad – eine Stadt, die mehr als 2.500 Kilometer östlich liegt.

Das Ergebnis war simpel: Das Mittagessen um 13 Uhr wurde über Nacht zu einem Mittagessen um 14 Uhr. Die Cena verschob sich von 20 auf 21 Uhr. Nach dem Krieg kehrten die Uhren nie zurück.

Dabei war das späte Essen kein neues Phänomen. Der Historiker Alessandro Barbero zeigt in seinem Buch „¿Cuándo se come aquí?“, dass Spanier schon im 19. Jahrhundert spät aßen – eine spanische Haushaltsfibel von 1850 empfahl: um neun frühstücken, um drei zu Mittag, um zehn zu Abend. In den 1930er-Jahren hatte sich das wieder normalisiert. Franco drehte es zurück.

Zwei Jobs, eine sehr späte Cena

Nach dem Bürgerkrieg mussten viele Spanier zwei Jobs annehmen, um zu überleben. Einen am Morgen, einen am Nachmittag. Das Mittagessen wurde zwischen die beiden Schichten geschoben. Die Cena wanderte auf 21, 22 Uhr.

Dieses Muster hat sich bis heute gehalten – nicht weil es rational ist, sondern weil es sich in den sozialen Rhythmus eingebrannt hat.


Die fünf Mahlzeiten des Tages

Essgewohnheiten in Spanien. Tagesmenü Spanien auf Tafel – typische Mahlzeiten in Spanien

Die Essgewohnheiten in Spanien lassen sich am besten anhand der fünf Mahlzeiten des Tages verstehen.

Desayuno: Klein, schnell, an der Bar

Das spanische Frühstück ist das Gegenteil des deutschen. Kein Aufschnitt, kein Käse. Ein café con leche, eine tostada con tomate – Toastbrot mit geriebener Tomate und Olivenöl – oder ein Gebäck.

Wenn mich deutsche Freunde fragen, was ich zum Frühstück esse, gucken sie mich immer etwas ungläubig an. „Nur Kaffee und Toast?“ Ja. Der Hunger kommt später.

Almuerzo: Der Snack, den niemand überspringt

Gegen halb elf gibt es eine kurze Pause. Ein Bocadillo, ein Stück Tortilla de Patatas, ein zweiter Kaffee. Kein zweites Frühstück im deutschen Sinn – eher eine Überbrückung, bis die Comida um 14 Uhr endlich kommt.

Comida: Die Hauptmahlzeit – und das ist ernst gemeint

Zwischen 14 und 15:30 Uhr findet das statt, was in Spanien wirklich als Essen gilt. Drei Gänge: ein erster Gang aus Salat, Suppe oder Gemüse, ein Hauptgang mit Fleisch oder Fisch, Nachtisch oder Kaffee. In vielen Restaurants ist ein Glas Wein im Menüpreis enthalten.

Und dann kommt die Sobremesa.

Das Wort bedeutet wörtlich „Tischdecke“, meint aber die Zeit nach dem Essen – das Sitzen, Reden, Nichteilen. In meiner Familie konnte die Sobremesa genauso lang dauern wie das Essen selbst. Mein Vater hat immer gesagt: „Das Essen endet, wenn niemand mehr etwas zu sagen hat.“ Manchmal hat das zwei Stunden gedauert.

Es gibt kein deutsches Äquivalent. Und es ist einer der Gründe, warum die Cena so spät beginnt: Wer um 15 Uhr aufgehört hat zu essen und bis 16 Uhr am Tisch saß, hat schlicht keinen Hunger um 19 Uhr.

Merienda: Der vergessene Snack

Zwischen 17 und 19 Uhr gibt es etwas Kleines – Obst, ein Sandwich, manchmal Churros. Die Merienda hat eine klare Funktion: Sie überbrückt die sechs bis sieben Stunden zwischen Comida und Cena.

Meine Mutter hat nie eine Merienda ausgelassen. „Sonst isst du um 22 Uhr wie ein Wolf.“ Sie hatte recht.

Cena: Leicht, spät, gesellig

Das Abendessen beginnt selten vor 21 Uhr. Es ist die leichteste Mahlzeit des Tages – oft Tapas, ein Omelett, etwas Kaltes. Was zählt, ist nicht das Essen, sondern das Beisammensein. Restaurants füllen sich gegen 21:30 Uhr. Wer um 19 Uhr kommt, sitzt allein.


Die Siesta: Was wirklich stimmt

Die Siesta ist vielleicht das größte Missverständnis, das Deutsche über Spanien haben.

Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Simple Lógica (2017) nehmen weniger als 18% der Spanier regelmäßig Siesta. Fast 60% tun es nie.

Ich werde hier in Deutschland regelmäßig gefragt, ob ich Siesta mache. Wenn ich sage, dass ich das nie getan habe, wirken die Leute fast enttäuscht. Die Wahrheit ist: Was viele Spanier machen, ist eine längere Mittagspause – nicht zum Schlafen, sondern weil die Comida Zeit braucht und weil im Sommer um 14 Uhr niemand freiwillig in der Sonne arbeitet.

Essgewohnheiten in Spanien. Großeltern schlafen Siesta in Spanien – Einfluss auf späte Essenszeiten und spanische Esskultur
1

Essgewohnheiten in Spanien vs. Deutschland

SpanienDeutschland
Frühstück7:00–9:00, sehr leicht6:30–8:00, oft herzhaft
Zweites Frühstück10:30–11:30Selten
Mittagessen14:00–15:30, Hauptmahlzeit12:00–13:00
Nachmittagssnack17:00–19:00Selten
Abendessen21:00–23:00, leicht18:00–19:30

Der wichtigste Unterschied ist nicht die Uhrzeit – es ist die Logik dahinter. In Deutschland ist das Abendessen oft die wärmste Mahlzeit. In Spanien ist es die leichteste. Wer das nicht weiß, bestellt sich in einem spanischen Restaurant um 21 Uhr ein Drei-Gänge-Menü und wundert sich, warum die anderen Tische nur Kleinigkeiten essen.

Essgewohnheiten in Spanien. Spanische Restaurantterrasse bei Nacht – späte Essenszeiten und soziale Esskultur

Häufige Fragen zu den Essgewohnheiten in Spanien


Selbst kochen statt nur staunen

Wer die Essgewohnheiten in Spanien zu Hause erleben will, braucht keine Reise. Eine gute Sangria zum Abendessen, dazu Croquetas de Pollo als Tapa – und die Cena darf ruhig erst um 21 Uhr anfangen. Genau so macht man das bei uns.

Hast du schon mal versucht, wirklich spanisch zu essen – also um 14:30 Uhr zu Mittag und um 21 Uhr zu Abend? Schreib mir, wie es war.


Bildnachweise

  1. ↩︎

Großeltern schlafen Siesta in Spanien – Einfluss auf späte Essenszeiten und spanische Esskultur. Foto: pedrosimoes7, Flickr, CC BY 2.0, https://flickr.com/photos/46944516@N00/5340004285. Bild angepasst.

David Badorrey Martinez – Olé Rezepte

Über den Autor

David Badorrey Martinez

Ich bin David — Spanier aus Barcelona, seit 2024 in Deutschland. Meine Mutter würde sich wundern, dass ich hier spanische Rezepte erkläre. Aber irgendjemand muss es ja richtig machen.

LinkedIn →

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert